2. Philharmonisches Konzert: Unter dem Titel „Skandalös“ stellt die Bodensee Philharmonie am 21. und 23. Oktober im Konzil Konstanz drei Werke nebeneinander, die Erwartungen auf unterschiedliche Weise verschieben.

Chefdirigent Gabriel Venzago leitet Emilie Mayers Faust-Ouvertüre h-Moll op. 46, Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 op. 9b in der Fassung für großes Orchester und Beethovens Vierte Sinfonie.

Die Musikerinnen und Musiker der Bodensee Philharmonie mit ihren Instrumenten auf einem Schiff auf dem Bodensee.
© Ilja Mess

Was muss Musik tun, damit ein Publikum sich empört? Arnold Schönbergs Erste Kammersinfonie liefert ein historisches Beispiel. Ihre Uraufführung 1907 in Wien wurde höchst kontrovers aufgenommen. Als das Werk 1913 erneut in einem Konzert unter Schönbergs Leitung erklang, eskalierte der Streit zwischen Gegnern und Anhängern der neuen Musik: Auf Zischen, Beifall und Wortgefechte folgten Handgreiflichkeiten. Heute gehört die Kammersinfonie längst zur Musikgeschichte.

Schönberg vollendete seine Kammersinfonie 1906 für nur 15 Soloinstrumente und sah in ihr später einen Wendepunkt seines Komponierens. Auf engem Raum verdichtet sich darin eine ganze sinfonische Welt. Musikalische Gedanken greifen ineinander, die vertraute Harmonik wird bis an ihre Grenzen gedehnt. Was Zeitgenossen irritierte, lässt sich heute mit dem Abstand von mehr als einem Jahrhundert anders hören. Nicht die Musik hat sich verändert, sondern unsere Hörgewohnheiten.

Auch Emilie Mayer stellte Erwartungen infrage. Im 19. Jahrhundert trat sie als Berufskomponistin großer Orchesterwerke öffentlich hervor, obwohl Frauen eine solche Rolle kaum zugestanden wurde. Ihre um 1879 entstandene Faust-Ouvertüre wurde zu Lebzeiten in mehreren europäischen Städten gespielt; nach ihrem Tod geriet ihre Musik weitgehend in Vergessenheit.

Beethovens Vierte schließlich steht im Schatten der „Eroica“ und der Fünften. Ihre Leichtigkeit, Beweglichkeit und überraschenden Wendungen zeigen einen Beethoven jenseits des vertrauten Bildes vom heroischen Komponisten.

So führt „Skandalös“ nicht einfach drei Werke zusammen, die einmal neu waren. Das Konzert richtet den Blick darauf, wie Erwartungen entstehen und wie schnell vergessen werden kann, dass auch das heute Vertraute einmal ungewohnt geklungen hat. Vielleicht liegt darin eine der spannendsten Erfahrungen beim Wiederhören älterer Musik: sich vorzustellen, dass niemand im Saal schon wusste, wie sie einmal gehört werden würde.

Die Bodensee Philharmonie spielt „Skandalös“, das 2. Philharmonische Konzert der Saison, am Mittwoch, 21. Oktober 2026, und Freitag, 23. Oktober 2026, jeweils um 19.30 Uhr im Konzil Konstanz.

Die Konzerteinführung mit Gabriel Venzago findet jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn um 18.30 Uhr im Studio der Philharmonie, Fischmarkt 2, statt.

(Erstellt am 20. Oktober 2026 15:12 Uhr / geändert am 20. Oktober 2026 15:36 Uhr)