Fast jeder Mensch stellt sich irgendwann die Frage, was gutes Leben im Alter bedeutet - für sich selbst, für Eltern oder für Angehörige. So vielfältig die Lebensgestaltung eines jeden Menschen ist, so unterschiedlich wird die Antwort ausfallen, was in dieser Hinsicht „gut“ bedeutet.
Der Anteil älterer Menschen steigt auch in Konstanz stark an. Zudem werden sich immer mehr ältere Menschen auf immer weniger Unterstützung durch die eigene Familie verlassen können – bei gleichzeitig wachsendem Mangel an Arbeitskräften in der Altenhilfe.
Auf diese Situation will die Stadt Konstanz vorbereitet sein und beschäftigt sich mit der Frage, welche Wege eingeschlagen werden müssen, damit angesichts dieser Veränderungen auch zukünftig ein gutes Leben im Alter möglich ist. Gemeinsam mit den Diensten und Einrichtungen der Altenhilfe, mit dem Stadtseniorenrat, Vertreter*innen des Gemeinderats, den betroffenen Abteilungen der Stadtverwaltung und unter Einbindung engagierter Bürger*innen wird die Abteilung Altenhilfe bis Anfang 2022 Handlungsempfehlungen entwickeln, die diese Bereiche betreffen:

  • Sorge tragen in Nachbarschaft und Quartier
  • Zuhause leben mit Unterstützung
  • 24-Stunden-Pflege ambulant und stationär
  • Gewinnung von Mitarbeiter*innen
  • Altersgerechtes Wohnen

 
Bei der Auftaktveranstaltung am 16. Oktober 2020 waren Teilnehmer*innen aus allen Bereichen vertreten und sammelten an Thementischen erste Ideen. Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie in Heidelberg, stimmte die Teilnehmenden mit seinem Vortrag auf diese Aufgabe ein und appellierte daran, das Älterwerden als persönliche und gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten.

Den Vortrag von Professor Kruse können Sie sich hier anschauen.

Sorge tragen in Nachbarschaft und Quartier

Der Begriff der sorgenden Gemeinschaft taucht seit einigen Jahren vermehrt in Publikationen auf und es scheint auf der Hand zu liegen, was er bedeutet: Menschen sind immer wieder im Lauf ihres Lebens auf andere angewiesen, mal mehr, mal weniger. Und jeder kann sowohl Sorge tragen wie auch empfangen. Wer schließlich alters- oder krankheitsbedingt nicht mehr alleine zurechtkommt, soll von einer Gemeinschaft aufgefangen werden, die sich sorgt und kümmert. Diese Gemeinschaft kann bestehen aus der Familie, Freunden, den Nachbarn, Mitgliedern der Kirchengemeinde oder professionellen Helfern. Im besten Fall aus allen gemeinsam. Und der so umsorgte Mensch kann in seiner vertrauten Umgebung selbstbestimmt ein Leben nach seinen Wünschen und Vorstellungen führen. Das geschieht jedoch nicht von selbst.

Nach Professor Thomas Klie ist Sorge die „vorausschauende Anteilnahme des Menschen an seiner Umwelt und sich selbst“ (Klie 2017) [i]

Wir nähern uns dem Begriff der Sorge über die Beziehungen, die in Nachbarschaften bestehen. Es ist der Wunsch der allermeisten Menschen, in einer vertrauten Umgebung alt zu werden, dort, wo Wege und Plätze, aber vor allem die Mitmenschen bekannt sind. Als Kommune haben wir an dieser Stelle Gestaltungsmöglichkeiten, die wir im Rahmen des Handlungsprogramms Pflege und mehr nutzen. An vielen Orten in der Stadt bestehen schon jetzt gute nachbarschaftliche Beziehungen. Hier achten Nachbarn aufeinander, unterstützen sich, wenn es nötig ist, gegenseitig und verbringen Zeit miteinander. Eine für alle Beteiligten gute Balance zwischen Nähe und Distanz gehört auch dazu. Wir wollen die positiven Aspekte von Nachbarschaft sichtbar machen, würdigen und zur Nachahmung anregen. Dazu soll die Aktion Nachbarschaftsgeschichten beitragen, die im Frühjahr beginnt.

Damit aus guten Nachbarschaften tragfähige sorgende Gemeinschaften werden können, braucht es aber mehr. Im Zuge des demografischen Wandels (weniger Kinder pro Familie, Familienmitglieder wohnen weit voneinander entfernt) gerät die Pflege und Betreuung durch Familienangehörige unter Druck. Die meisten Angehörigen wollen nach wie vor Verantwortung für die Pflege ihrer Nächsten übernehmen, können dies aber immer häufiger nicht vor Ort oder im erforderlichen Ausmaß tun. Dem Einsatz professioneller Dienste setzt der Mangel an Mitarbeitern Grenzen. Das zusammen führt dazu, dass sich Pflegearrangements verändern. Nachbarn können an verschiedenen Stellen dieser Pflegearrangements eine wesentliche Rolle spielen. Je intensiver die Beteiligung ist, umso mehr bedarf es der Steuerung und verbindlicher Absprachen.

Im Arbeitskreis „Füreinander Sorge tragen in Quartier und Nachbarschaft“ sollen unter anderem Handlungsempfehlungen für tragfähige Pflege- und Betreuungsarrangements erarbeitet werden.  

[i] Klie, Thomas (2017): Sorge trifft Selbstbestimmung (aq-nrw.de)  (Zugriff am 16.12.2020)[i]