Kunstverein Konstanz: VOGELFREI? Kristin Schnell
Ausstellung vom 16. Mai bis 12. Juli 2026 - Eröffnung Freitag, 15. 5. 2026, 19 Uhr
Der Kunstverein Konstanz zeigt in Kooperation mit dem Bodensee-NaturmuseumFotografien der Künstlerin Kristin Schnell. Im Zentrum der Schau steht ihre jüngsteWerkgruppe VOGELFREI?, in der sie sich intensiv mit domestizierten Vögelnauseinandersetzt, die in Volieren leben und in der freien Natur kaum überleben könnten.Ihre Beobachtungen im Vogelkäfig werfen zugleich Fragen nach Freiheit, Verantwortungund den Bedingungen auf, unter denen Tiere heute leben.
Die Beschäftigung mit Vögeln ist ein Sujet, das die Kunstgeschichte seit ihren Anfängenbegleitet. Schnell knüpft an die Tradition der Vogeldarstellungen an und entwickeltdaraus einen eigenständigen, zeitgenössischen Blick: Sie setzt lebendige Tiere inbewusst konstruierte Bildräume. Schnell, die schon zeitlebens Tiere fotografierte, erhielteinen entscheidenden Impuls für die Serie durch ihren Umzug von Berlin an dieOstseeküste. Dort fand die Fotografin keine unberührte Natur, sondern eine intensivbetriebene Agrarlandschaft vor. Die Vögel – wie die Feldlerchen ihrer Kindheit – warenweitgehend verschwunden. Ihr eigenes Grundstück mit alten Bäumen und wilden Blumenwurde zu einer rettenden Insel; eine dortige 400 Quadratmeter große Voliere entwickeltesich bald zum Asyl für vernachlässigte Vögel.
Diesen geschützten Raum nutzt Schnell als Atelier. Hier baut sie aus Holz, Papier undStoff farbintensive, geometrische Kulissen, verwendet Utensilien wie Acrylglas, Spiegel,Folien und Blumen und schafft ein künstliches Ambiente, das einer reduziertenBühnenkulisse ähnelt. In diesen Bildräumen lässt sie ihre Vögel wie Schauspieler agieren.Die Künstlerin stellt das Setting, doch die entscheidenden Momente ergeben sich ausden Bewegungen der Tiere; Steuerung und Kontrolle bleiben dabei weitgehendunmöglich. Oft dauert es Stunden, bis die Tiere - nicht alle lassen sich auf die Situationein - in die gut ausgeleuchtete Szenerie treten, um neugierig die Requisiten zu erkundenoder mit ihren Artgenossen zu interagieren. Schnells Farbwahl ist inspiriert von frühenErinnerungen an leuchtende Kirchenfenster und der Farbkraft ihrer Gartenpflanzen. BeimInszenieren greift sie auf ihre Erfahrung als Modefotografin zurück, als sie für ModelsSzenarien entwarf. Die Kombination aus strenger Geometrie, kunstvoller Farbgebung undgekonnter Lichtsetzung lässt die Schönheit der Tiere fast surreal erscheinen.
In Schnells Arbeiten liegt eine Spannung, auf die der Titel VOGELFREI? verweist: Vögelgelten als Sinnbild der Freiheit, doch sie leben in Volieren. Diese Ambivalenz verleiht denBildern eine zweite Ebene. Neben der Schönheit und Zartheit der Tiere wird auch derbegrenzte Raum des Käfigs spürbar. Die Künstlerin übersetzt diesen Zwiespalt in ihrenverschiedenen Bildgruppen: Beispielsweise in „Mikado“, darin betonen Stäbe, die dasBild durchziehen, die Anmutung eines Käfigs. „City Lights“ arbeitet mit kantigenRequisiten, die den Bildraum verdichten und auf jene Einengung verweisen, die Vögeln instädtischen Lebensräumen zugemutet wird. In „Farewell“ thematisieren stilllebenartigeArrangements den Verlust einzelner Tiere. Es sind Aufnahmen verstorbener Vögel unterfreiem Himmel; erst im Tod erfahren sie jene Freiheit, die ihnen zu Lebzeiten – zumSchutz vor Fressfeinden – verwehrt blieb.
Über die rein ästhetische Betrachtung hinaus zielen Schnells Fotografien auf dasVerhältnis zwischen Mensch und Tier sowie die damit verbundene moralischeVerantwortung. Viele der porträtierten Vögel stammen aus ehemals nicht artgerechterHaltung; in der Voliere finden sie Schutz und Pflege. Die Künstlerin nutzt ihreProtagonisten dabei als symbolische Figuren, um Fragen nach Freiheit, Kontrolle undeiner respektvollen Koexistenz in einer vom Menschen dominierten Welt zu stellen.Die Ausstellung präsentiert rund 50 Arbeiten, deren Spektrum von kleinen, intimenAbzügen bis zu großformatigen Tableaus reicht. Die Fotografien, die im Bodensee-Naturmuseum ausgestellt werden, bilden einen reizvollen Kontrast zu den dortigenExponaten: Die naturgetreuen Darstellungen einheimischer Vögel stehen Schnellsartifiziell konstruierten Bildwelten gegenüber. Ein Teil der Werke stammt aus Schnellserster Monografie „Of Cages and Feathers“ (Kehrer Verlag), während die übrigenFotografien zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden.
Zur Künstlerin: Kristin Schnell arbeitete über zwei Jahrzehnte als selbstständigeFotografin für internationale Auftraggeber im Bereich Kinder- und Jugendmode. DieEinladung zur LensCulture Masterclass in Amsterdam im Jahr 2019 markierte einenWendepunkt und führte zu einer konsequenten Hinwendung zur freien künstlerischenFotografie. Ihre Arbeiten entstehen direkt in der Kamera. Neben Vögeln sind ihre Porträtsversehrter Tiere ein beeindruckendes Sujet. Zusätzlich zu verschiedenenEinzelausstellungen – etwa im Rahmen der Hamburger Triennale 2023 oder in der GalerieRied in Berlin 2026 – wurden ihre Arbeiten unter anderem von Photolucida mit demCritical Mass Award (Top 50) ausgezeichnet. Ihre Werke befinden sich in namhaftenSammlungen wie dem Los Angeles County Museum of Art (LACMA). Im Jahr 2024 widmete der Sender ARTE ihrem Schaffen eine eigene Künstlerdokumentation.
Unterstützt wird die Ausstellung von Regierungspräsidium Freiburg, Stadt Konstanz/Kulturamt und Radio Krieg Konstanz
