Konstanz und der Klimaschutz: Wo stehen wir?
Das Amt für Klimaschutz hat in der Sitzung des Haupt-, Finanz- und Klimaausschusses am 11. Juni den 14. Klimaschutzbericht der Stadt Konstanz vorgestellt. Es handelt sich um den halbjährlichen Zwischenbericht, der Schwachstellen benennt – und aufzeigt, was jetzt zu tun ist.
Bundesweit und in Konstanz: Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit wächst
Auf Bundesebene hat Deutschland die EU-Klimavorgaben in den Jahren 2021 bis 2023 noch übererfüllt – vor allem dank Fortschritten in der Energiewirtschaft. Seit 2025 hat sich dieser Trend jedoch umgekehrt. Das Umweltbundesamt projizierte im Frühjahr 2026 bereits eine deutliche Überschreitung des zulässigen Treibhausgasbudgets bis 2030. Geplante Abschwächungen im Gebäude- und Mobilitätssektor dürften diese Lücke noch vergrößern.
Was auf Bundesebene gilt, zeigt sich auch in Konstanz. Im vergangenen Klimaschutzbericht wurde die Treibhausgasbilanz aus dem Jahr 2024 vorgestellt. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Emissionsreduktionen verlangsamen sich und die Abweichung zwischen dem angestrebten Reduktionspfad und der tatsächlichen Entwicklung wird größer, das verbleibende CO2-Budget kleiner. Das Amt für Klimaschutz zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Treibhausgasminderungen müssen künftig um ein Vielfaches schneller erreicht werden als bisher.
Auch die Analyse der in 2025 Investierten und Ausgezahlten Mittel der Stadt Konstanz (der sogenannte „Klima-Haushalt“) zeigt eine wachsende Lücke zwischen politischem Anspruch und tatsächlichem Mitteleinsatz. Der Grundsatzbeschluss aus dem Jahr 2022 sieht jährliche Klimaschutzinvestitionen von rund 20 Millionen Euro vor. Im Doppelhaushalt 2025/2026 wurden statt der vereinbarten 40 Millionen Euro jedoch lediglich 24 Millionen Euro angemeldet.
Klimaschutz ist (fast) keine Pflichtaufgabe – aber trotzdem unverzichtbar
Kommunaler Klimaschutz ist in Deutschland derzeit keine gesetzliche Pflichtaufgabe. Dennoch sind Konstanz und andere Kommunen in Baden-Württemberg zu einer Reihe klimabezogener Maßnahmen verpflichtet: Dazu gehören die kommunale Wärmeplanung sowie die jährliche Energieverbrauchserfassung der kommunalen Gebäude. Zudem schreibt die europäische Gebäuderichtlinie bis 2030/33 vor, dass öffentliche Gebäude der niedrigsten zwei Effizienzklassen saniert werden müssen.
Landes- und Bundesklimaziele lassen sich ohne aktive Kommunen nicht erreichen. Als Teil der öffentlichen Hand kommt Konstanz dabei eine besondere Vorbildfunktion zu.
Klimaschutz rechnet sich – auch wirtschaftlich
Ein zentrales Argument des Berichts: Klimaschutz und wirtschaftliche Stärke sind kein Widerspruch, sondern bedingen sich gegenseitig. Das zeigt das Beispiel der Stadtwerke Konstanz: Die Transformation vom Gasgeschäft hin zur klimaneutralen Wärmeversorgung ist bei den Stadtwerken bereits im Gange und langfristig auch eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.
Auch gesamtwirtschaftlich ist die Botschaft eindeutig: Wind- und Solarenergie erzeugten 2023 bundesweit rund 51.000 Vollzeitarbeitsplätze und 10 Milliarden Euro direkte Wertschöpfung – mehr als die Hälfte davon blieb direkt in den Standortregionen. Laut einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums könnten deutsche Landkreise ihre Einnahmen aus erneuerbaren Energien bis 2033 mehr als verdoppeln, wenn die Ausbauziele erreicht werden. Die Green-Tech-Branche gilt zudem als eine der wachstumsstärksten Branchen überhaupt – und junge Fachkräfte suchen gezielt Tätigkeiten mit Nachhaltigkeitsbezug. Für Konstanz als Hochschulstadt ist das eine Chance, die es konsequent zu nutzen gilt.
Was jetzt zu tun ist: Die Empfehlungen des Amts für Klimaschutz
Auf Grundlage der Treibhausgasbilanz und vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltslage hat das Amt für Klimaschutz konkrete Empfehlungen entwickelt. Sie gliedern sich in drei Cluster.
1) Ziele verbindlich machen und nachhalten
Klimaschutzziele müssen pro Handlungsfeld und pro Akteur klar benannt, nachgehalten und transparent gemacht werden. Das ist teils rechtlich vorgeschrieben – es dient aber auch dazu, Zielkonflikte noch frühzeitiger zu erkennen und politisch zu lösen.
Das Amt für Klimaschutz schließt sich dem Wunsch des Technischen und Umweltausschusses nach einer jährlichen Berichterstattung zur Umsetzung des Dekarbonisierungspfads für städtische Gebäude an. Der Pfad sieht vor, bis 2035 insgesamt 25 Millionen Euro einzusetzen, um bis zu 50 Prozent der Treibhausgasemissionen im städtischen Gebäudebestand einzusparen. Mittel und Personal müssen beschlusskonform zur Verfügung gestellt werden, um die Gebäude im vorgesehenen Zeitplan zu dekarbonisieren.
Darüber hinaus sollen die Klimaschutzziele der städtischen Beteiligungen mit den jeweiligen Geschäftsführungen präzisiert werden, um auch hier Potenziale zur Treibhausgasminderung konsequent auszuschöpfen.
2) MultiplikatorInnen systematisch einbinden
Gerade in Zeiten knapper Kassen wird es wichtiger, Menschen und Initiativen zu stärken, die aus eigener Motivation handeln und glaubwürdig Erfahrungen teilen. Das Amt für Klimaschutz schlägt vor, bestehende Formate systematisch zu bewerten und zwei Pilotprojekte zu starten – etwa nach dem Vorbild von Wärmepumpenpartys, Quartiersarbeit oder einem Unternehmenspakt wie in Freiburg. Diese Ansätze ermöglichen mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand hohe Sichtbarkeit und Breitenwirkung.
Noch Ende 2026 wird zudem ein niederschwelliges CO2-Bilanzierungsinstrument für Konstanzer Unternehmen eingeführt. Betriebe, die bereits Vorreiter in Energieeffizienz, nachhaltiger Beschaffung und klimafreundlicher Mobilität sind, sollen ermutigt werden, ihre Erfahrungen praxisnah an andere weiterzugeben. Klimaschutz und Wirtschaftsentwicklung werden damit als gemeinsame Aufgabe begriffen – und nicht als Gegensätze.
3) Ressourcen effizienter nutzen und Finanzierung effektiver steuern
Das Amt für Klimaschutz empfiehlt, Klimaschutz in der Haushaltsplanung mit möglichst wirksamen Maßnahmen je eingesetztem Euro abzubilden – etwa den Ausbau von Photovoltaikanlagen und Wärmenetzen, das städtische Förderprogramm zur energetischen Bestandssanierung oder die Ausweitung von Parkgebühren als lenkende Maßnahme.
Mittelfristig regt das Amt an, ein eigenständiges Finanzierungskonzept für den Konstanzer Klimaschutz zu entwickeln und von Vorreiterstädten wie Stuttgart, Freiburg oder Wuppertal zu lernen.
Schließlich setzt das Amt für Klimaschutz weiterhin auf neue Formen der Zusammenarbeit im Querschnitt. Ansätze wie das Energiespar-Contracting ermöglichen das Herangehen an komplexe Themen, und sollten auch weiterhin erprobt und verstetigt werden.
Fazit: Vorreiter bleiben erfordert mutiges Handeln
Konstanz genießt aufgrund seines Beschlusses zum Klimanotstand und seiner ambitionierten Klimaschutzstrategie bundesweit Vorreiterstatus. Dieser Ruf verpflichtet – und er ist zugleich eine Chance. Denn was Konstanz jetzt tut oder lässt, sendet ein Signal an andere Kommunen.
Der 14. Klimaschutzbericht macht deutlich: Gute Beschlüsse allein reichen nicht. Entscheidend ist, dass die vereinbarten Mittel tatsächlich fließen, die gesetzten und politischen Ziele verbindlich nachgehalten werden und Verwaltung, Politik, Stadtgesellschaft und Wirtschaft an einem Strang ziehen. Der Bericht benennt die Lücken – und zeigt Ansätze, wie sie geschlossen werden können.
Alle Maßnahmen und deren aktueller Umsetzungsstand sind auf klimaschutzbericht.konstanz.de einsehbar. Innerhalb der jeweiligen Maßnahme kann über „Klimaschutzbericht öffnen" der aktuelle Status abgerufen werden.
