Synagogeneröffnung im Beisein des Ministerpräsidenten

Feierlicher Nachmittag im Zeichen des religiösen und kulturellen jüdischen Lebens

Bild: Bernhard Wrobel

In der Sigismundstraße in Konstanz - unweit des Grundstücks, auf dem 1938 die Synagoge in der Reichspogromnacht zerstört wurde - wurde die neu errichtete Synagoge feierlich eröffnet. Das Grundstück zur Errichtung des Gemeindezentrums erhielt die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden (IRG Baden) als Schenkung von der Stadt Konstanz.
 
Der Festnachmittag begann mit einem feierlichen Freudenzug durch die Gassen der Innenstadt von Konstanz bei dem die heiligen Thorarollen mit Tanz und Gesang und der Chuppa (Baldachin) in die neuerrichtete Synagoge geleitet wurde.
 
Traditionsgemäß wurde beim Betreten des Gebäudes am Türpfosten eine Mesusa (Schriftkapsel) angebracht.
 
Zu Beginn der Feierstunde begrüßte der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, die über 200 anwesenden Gäste. Er brachte zum Ausdruck, die Synagogeneröffnung finde in schwierigen Zeiten statt: „Antisemitismus wird nicht nur von Extremisten im Netz befeuert. Wir müssen erkennen, dass Menschen aus der sog. Mitte der Gesellschaft antisemitisches Gedankengut pflegen.“ Er fuhr fort: „Wir haben ein Problem. Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zerstören den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das können wir nicht zulassen. Wir dürfen uns unser Zusammenleben nicht zerstören lassen. Wir brauchen eine „Null-Toleranz-Haltung“ gegen Ausgrenzung, Bedrohung und körperliche Angriffe.“ Suliman betonte, leider benötigten jüdische Einrichtungen auch Schutz durch Polizeipräsenz, Gebäudesicherheit und Sicherheitspersonal. Er dankte der Landespolitik für deren Unterstützung in diesen Bereichen sowie der Stadt Konstanz für die große Unterstützung bei der Realisierung des Baus der Synagoge. Er erläuterte: „Die Synagogengemeinde Konstanz ist - wie alle Gemeinden in Baden - eine Einheitsgemeinde. Das bedeutet, verschiedene Ausprägungen des Judentums finden unter dem Dach der Gemeinde ihre Heimat. In dieser Synagoge gibt es zwei Gebetsräume - einen in dem das traditionelle und einen in dem das liberale Gebet stattfinden kann. Wir hoffen, dass die Mitglieder diese Gebetsräume mit Leben erfüllen.“ Herr Suliman brachte seine Freude zum Ausdruck, dass auch die lebendige jüdische Gemeinschaft in Konstanz nun über ein eigenes Synagogengebäude verfügt.
 
Ministerpräsident Winfried Kretschmann überbrachte der IRG Baden und der Synagogengemeinde Konstanz die Glückwünsche der Landesregierung zur Eröffnungsfeier. „Heute feiern wir nicht nur die Eröffnung der neuen Synagoge in Konstanz, wir feiern auch unser gemeinsames Leben und unsere gemeinsame Zukunft mit Jüdinnen und Juden in Baden-Württemberg“, erklärte Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Grußwort. Er versprach: „Die Landesregierung steht fest an der Seite des jüdischen Lebens hierzulande: Ihr seid ein wertvoller und unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft. Ihr gehört in unsere Mitte. Und wer euch diskriminiert oder bedroht, der greift uns alle an. Wir wollen jetzt Sicherheit verstärken und zugleich darum kämpfen, dass eines Tages kein Gebetshaus in unserem Land mehr seine Türen zum Gottesdienst sichern muss.“
 
Als Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland war dessen Vizepräsident Abraham Lehrer nach Konstanz gekommen. Er betonte die Bedeutung jeder einzelnen, in Deutschland wieder errichteten Synagoge.
 
Der Oberbürgermeister von Konstanz Uli Burchardt hob hervor: „Für die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, aber auch für die Stadtgesellschaft insgesamt geht mit der Eröffnung der neuen Synagoge ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Ich hoffe und wünsche mir, dass die neue Synagoge im Herzen unserer Stadt das neue Zentrum der jüdischen Gemeinde bildet und außerdem zu einem offenen Versammlungsort werden wird, ein Haus der Begegnung und des Dialogs zwischen den Konfessionen und den Bürgern. Das Haus ist bereits jetzt ein unverzichtbarer Teil der kulturellen und religiösen Identität unserer Stadtgesellschaft.“
 
Benjamin Nissenbaum, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Konstanz erklärte: „Die Bodenseeregion hat eine neue Synagoge mit Gemeindezentrum, ein Gotteshaus, das durch die israelitische Religionsgemeinschaft Baden und die Stadt Konstanz, mit dem Engagement der Mitglieder unserer Gemeinde errichtet wurde. Möge unsere neue Synagoge mit Gemeindezentrum zu einem Ort des Lernens und des Miteinanders werden, die Bürger und Besucher unserer Stadt zur Begegnung einlädt.“ Er äußerte den Wunsch, dass sich das jüdische Leben unter dem Dach der Einheitsgemeinde in seinen vielfältigen Facetten entfalte.
 
Der Landesrabbiner von Baden, Rabbiner Moshe Flomenmann, berichtete von den fundamentalen Fragen, die sich Juden heute wieder stellen: „Jüdisches Leben in Deutschland? Eröffnung einer Synagoge in Konstanz? Ist das sinnvoll? Ist das sinnvoll nach dem Anschlag in Halle an Jom Kippur“. Landesrabbiner Flomenmann gab eine eindeutige Antwort: „Ja, der Bau von Synagogen ist sinnvoll. Er ist genau das richtige Zeichen. Er bingt Licht in das Dunkel der Welt. Dieses Licht brauchen wir - gegen den Hass, gegen die Ausgrenzung, für uns alle.“
 
Der Wille, positive Zeichen zu setzen kam auch zum Ausdruck in der Amtseinführung des Ortsrabbiners der Synagogengemeinde Konstanz, Rabbiner Avraham Yitzhak Radbil, die Landesrabbiner Flomenmann anschließend vornahm. Bei Musik und angeregten Gesprächen von Gästen und Mitgliedern der Synagogengemeinde Konstanz klang das Fest am Abend aus.

(Erstellt am 10. November 2019)