Das Tarot in seiner ursprünglichen Form als Träger alter Weisheiten und menschlicher Sehnsüchte hat Johannes Dörflinger seit langem beschäftigt.
Zunächst setzte Dörflinger das Thema in einem Bilderzyklus um („Tarot 1975“, Granolithographien), der die Figuren/Trümpfe in einer gepünkelten Maltechnik nahezu auflöst und ihnen einen traumhaften, fast translunaren Status verleiht. Jedes dieser Bilder ist eine Entdeckungsreise, sind doch die Figuren und Figurenpaare in einen Farbenkontext gestellt, der sie nur zögernd freigibt. Streng hingegen sind die Felderrahmen wie Dreieck, Stern, Quadrat und Kreis, in die die einzelnen Bilder jeweils gestellt sind.
In dem Tarot von 1988, das Dörflinger Oscar Schlemmer widmet, geben die Bilder (Handsiebdrucke)- den Gesten von Schlemmers „Triadischem Ballett“ verpflichtet - deutlicher den menschlichen Umriss wieder. Der Verweis auf die Trümpfe liegt jetzt - weitgehend abstrakt betrachtet - wesentlich bei Dreieck, Stern, Kreis und Quadrat, die nun nicht mehr wie bei den Bildern von 1975 den Feldrahmen abgeben, sondern als farbige Symbole in den ansonsten weiß und grau gehaltenen Bildern fruchtbar gemacht werden: Der rote Kreis steht für die Liebe, das blaue Quadrat für den Intellekt, der schwarze Stern für das Schicksal und die gelbe Pyramide für Seele und Geist. Alle vier sind in jedem Bild in jeweils unterschiedlicher Größe vorhanden - wobei ihre ebenfalls unterschiedliche Positionierung im Bildfeld die für den einzelnen Trumpf spezifische Aussage macht. Die Figuren sind diesen Mächten einerseits unterworfen, gehen andererseits handelnd damit um.
2002 wird dann mit „Tarot-Modelle für Großskulpturen“ der Grund gelegt für die Skulpturen, wie sie nun auf der Kunstgrenze stehen. Für den Künstler beginnt das Wagnis, mit seinem Werk aus der Fläche der Malerei in den dreidimensionalen Realraum fort zu schreiten.
Mit der Anordnung seiner Skulpturen auf der nun imaginären (Landes-)Grenze folgt Johannes Dörflinger der Grundidee des Tarot, dem Zug von Figuren im Rahmen einer Prozession. Historisch handelte es sich um Triumphzüge in den mittelalterlichen Städten Italiens - eine Mischung aus Festveranstaltungen, kirchlichen Prozessionen, Theater, Karneval, ausgerichtet von Patriziern, Fürsten, Bischöfen und reichen Handelsleuten. Diese Festzüge erinnern stark an den Karneval der Kulturen: Wagen wurden allegorisch zu Szenerien gestaltet, großzügig mit Bildern, Symbolen und Blumen geschmückt. In mehreren Folgen wurden die Vorstellungen der mittelalterlichen Welt oder Szenen aus Antike und Mythologie dargestellt. Der König der Narren aus der antiken römischen Saturnalia führte den gesamten Zug an. Überliefert sind uns diese Figuren, Geschehnisse oder Gegenstände in Form der Tarotkarten, wie sie vermutlich erstmals der Herzog Visconti zwischen 1420 und 1450 malen ließ.
Entgegen Legendenbildungen über die Entstehung des Tarot sei hier festgehalten, dass das Tarot eine Schöpfung auf der Schwelle zur Neuzeit ist und keine Erfindung der Antike. Wenn das Tarot Elemente alter Mythen enthält, dann deshalb, weil die mittelalterlichen Festzüge ihren Ursprung im antiken Rom haben. Die Tradition der Triumphzüge stammt noch aus dem alten Griechenland und wurde von den Etruskern übernommen. Als die Römer die Herrschaft über Italien antraten, übernahmen sie neben dem Götterpantheon der Etrusker auch diese Tradition. Sie hielten Triumphzüge nach erfolgreichen Kriegszügen ab, auf denen sie neben hochgestellten Gefangenen Kultobjekte präsentierten, um zu verdeutlichen, dass sie dem eroberten Volk auch den religiösen Mittelpunkt geraubt hatten. Die antiken Elemente der Tarotabbildungen sind also vornehmlich in Griechenland, in Etrurien und in Rom zu suchen.
Dörflinger wählt für seine Arbeit die 22 großen Trümpfe des Tarots aus, die so genannte "Große Arkana". In den italienischen Festzügen wurden sie in drei Gruppen auf geteilt. Zum „Triumph der Liebe“ gehören die Abbildungen Herrscherin, Herrscher, Päpstin, Papst, Mäßigkeit, Liebe, Triumphwagen, Kraft; zum „Triumph des Todes“ Rad des Schicksals, Gehängter, Tod, Teufel, Blitz oder Haus Gottes; zum "Triumph der Ewigkeit“ Stern, Mond, Sonne, Engel, Gerechtigkeit und Welt. Narr und Magier stehen außerhalb der drei Gruppen.
Zur Vertiefung:
Die Tarot Prozession (PDF, 12.152 Zeichen)
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