Gastspiel von Mutter Courage und ihre Kinder im kurdischen Erbil ein Riesenerfolg
Fünf Tage dauerte die aufregende Reise ins Unbekannte - nun ist die 25köpfige Truppe des Theaters Konstanz in Begleitung des Konstanzer Kulturbürgermeisters Claus Boldt wieder zurück am Bodensee. Auf Einladung des Ministeriums für Kultur und Jugend der Regionalregierung Kurdistan im Juli zeigte das Konstanzer Theater seine viel beachtete Inszenierung von Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder" in der Regie des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson beim Ersten internationalen Theaterfestival in Erbil Kurdistan/Irak. Zwei Monate lang waren die Motoren heiß gelaufen, um dieses spektakuläre Unterfangen zu realisieren. Das aufwändige Bühnenbild musste samt Scheinwerfern und anderem technischem Equipment in einen LKW verladen und durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei bis nach Erbil gebracht werden. Die Reise von technischem und künstlerischem Personal musste organisiert und dabei die eine oder andere Einreiseproblematik überwunden werden. Zwei Schauspielerinnen, die aus sicherheitstechnischen Bedenken nicht mit in den Irak reisen wollten, wurden kurzerhand umbesetzt. Und schließlich galt es noch, die großen und kleinen Unsicherheiten vor der Begegnung mit der fremden Kultur in Neugier und Entdeckergeist umzuwandeln.
Der Aufwand hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Am vergangenen Montag fand die Aufführung in der mit 700 Menschen bis zum Bersten gefüllten Media Hall statt und verfehlte ihre Wirkung nicht. Bertolt Brechts Klassiker über den verzweifelten Kampf der Menschlichkeit im Angesicht der eiskalten Mechanik des Krieges traf in Erbil auf ein Publikum, für das die Erfahrung von Krieg und Gewalt noch höchst gegenwärtig ist. Auch wenn die deutsche Sprache von den meisten Zuschauern nicht geteilt wurde, ließen die gewaltige Bildsprache der Inszenierung und das hochemotionale Spiel der Konstanzer Darsteller das Publikum nicht unberührt. Nach dem kurzen, enthusiastischen Applaus standen die Schauspieler noch lange im Zuschauerraum, um die Gratulationen und Danksagungen der zum Teil tief bewegten Zuschauer zu teilen.
Bei der Abschlussveranstaltung am Samstag wurde die Konstanzer Inszenierung von der siebenköpfigen Jury mit gleich vier Auszeichnungen geehrt: für die bemerkenswertesten Inszenierungen gingen Preise an das Theater Konstanz und an das „Training-space-workshop"-Theater aus Bagdad, das mit einer für den öffentlichen Raum konzipierten Aufführung nach Heiner Müllers „Der Horatier" im Hof der Universität der Künste in Erbil beeindruckte. Für herausragende szenografisch-technische Komposition wurden das Theater Konstanz und die Schweizer-deutsche Koproduktion „Sensibles Chaos" prämiert. Für ihre darstellerischen Leistungen wurden Alissa Snagowski (Konstanz) und Saya Hussein (Erbil) sowie Frank Lettenewitsch (Konstanz) und Marcin Brozozokoswki (Lodz/Polen) geehrt.
Neben der Aufführung stand die Begegnung mit Künstlern aus den verschiedensten Nationen im Mittelpunkt des Festivals. Die Konstanzer Truppe traf in Erbil auf Theater- gruppen aus Kurdistan und dem übrigen Irak, aus dem Iran, Japan, Griechenland, Italien, Schweden und der Schweiz. Nach dreißig Jahren Diktatur, Krieg und Gewalt im Irak ist das Bedürfnis nach interkulturellem Dialog und künstlerischem Austausch riesig. Die Teilnahme an dem Festival war für die Konstanzer Theaterschaffenden nicht nur eine Begegnung mit einer unglaublich warmherzigen und gastfreundlichen Kultur sondern auch ein Zeichen der Solidarität mit den irakischen Kulturschaffenden, die unter zum Teil extrem schwierigen Bedingungen wunderbar kraftvolles, politisches und bewegendes Theater machen.
Zuletzt aktualisiert am: 29.09.2011
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